Die Innenstadt von Lyon in Südfrankreich ist von gleich zwei großen Flüssen geprägt, denn Saône und Rhône fließen dort zusammen. Und es gibt auch zwei große Fernbahnhöfe im Stadtgebiet. Das kann schon mal etwas verwirrend sein. Zum Glück ist aber das Kongresszentrum einzigartig und zudem schön zwischen einer Biegung der Rhône und dem weitläufigen Park Tête d’Or am Stadtrand gelegen.
Die 26th International Mass Spectrometry Conference (26th IMSC) wurde nun wieder in Europa ausgerichtet, nachdem die 25th IMSC 2024 im australischen Melbourne war. Die International Mass Spectrometry Foundation (IMSF) veranstaltete diese Tagung nämlich vom 23.–28. August 2026 im Lyon. Die Organisation der Tagung hatte die Société Française de Spectrométrie de Masse (SFSM) übernommen, für die wiederum Isabelle Compagnon (Univ. Lyon) die Hauptlast der Organisation getragen hatte. Unterstützt wurde die SFSM von der Schweizerischen Gesellschaft für Massenspektrometrie (SGMS) und von der Deutschen Gesellschaft für Massenspektrometrie (DGMS).
Zahlen und Fakten
Die 26th IMSC war am Ende mit fast 1800 TeilnehmerInnen, von denen rund zwei Drittel innerhalb Europas angereist waren, besonders gut besucht. Das umfangreiche Programm umfasste 4 Plenarvorträge, 39 Keynote-Vorträge, 199 eingereichte Vorträge und sogar 1130 Poster. Zusätzlich wurden vor der Tagung 10 Short Courses angeboten, die von 25 DozentInnen für 205 TeilnehmerInnen durchgeführt wurden. Wer dann immer noch Kraft übrig hatte, konnte zudem unter 9 abendlichen Workshops wählen. Als Aussteller und Sponsoren der Tagung waren 74 Firmen mit ihren Ständen vertreten.
Auftakt
Isabelle Compagnon (Univ. Lyon) eröffnete die Tagung am Sonntagnachmittag im Namen des örtlichen Organisationskomitees. Ron Heeren (Univ. Maastricht), Vorsitzender der IMSF, begrüßte die TeilnehmerInnen und führte die Rolle der IMSF aus. Darauf folgten Joëlle Vinh (ESPCI Paris), Vorsitzende der SFSM, mit einem Gruß der gastgebenden MS-Gesellschaft, dann Yury Tsybin (Spectroswiss, Lausanne) für die SGMS mit einer schweizer Kuhglocke und schließlich Marianne Engeser (Univ. Bonn) im Namen der DGMS. Das große Amphitheater des Kongresszentrums von Lyon bot dabei eine beeindruckende Kulisse, sowohl von außen als auch von innen.
Das Amphitheater gehört zum Kongresszentrum von Lyon. Es beherbergt einen Saal für Tagungen und Konzerte mit 3000 Plätzen.
Der Innenraum des Amphitheaters während eines Plenarvortrags.
Es kann jetzt richtig losgehen. Ein herzliches Willkommen von Isabelle Compagnon (Univ. Lyon) an alle TeilnehmerInnen der 26th IMSC.
Ron Heeren (Univ. Maastricht), der Vorsitzende der IMSF, begrüßt zur Tagung in Lyon.
Marianne Engeser (Univ. Bonn) spricht ein Grußwort der DGMS.
Den Eröffnungsvortrag im Plenum hielt Gustavo Martos (Bureau International des Poids et Mesures, BIPM, Sèvres) über „The traceabililty journey of mass and chemical measurements“. Darin spannte er gekonnt den Bogen von der Einführung des Kilogramms und des Meters als erste standardisierte Einheiten von Masse und Länge kurz nach der Französischen Revolution bis hin zur aktuellsten Definition von Kilogramm, Meter und Mol basierend auf Naturkonstanten. Im Anschluss gab es noch einen Empfang mit Getränken und Snacks in der angrenzenden Ausstellungshalle, wo auch die Firmenausstellung und die vielen Poster ihren Platz gefunden hatten.
Gustavo Martos (Bureau International des Poids et Mesures, BIPM, Sèvres) hat es nicht nur mit der Masse. Er liebt alle SI-Einheiten.
Young International Mass Spectromety Society gegründet
Die Vorstandsmitglieder der MS-Nachwuchsgruppen, die bereits bei der SFSM, NVMS und DGMS existieren, haben sich auf Einladung der IMSF in Lyon nun offiziell zur Young International Mass Spectromety Society (YIMS) zusammengefunden. Dort kann sich der sich wissenschaftliche Nachwuchs von Masterarbeit bis zum Postdoc oder Berufseinstieg zusammenfinden. Bereits vor der formalen Gründung war diese Gruppe schon bei der Gestaltung des Tagungsprogramms aktiv. So gab es eine eigene Session „Future of MS: Young Scientists“. Außerdem wurden weitere Aktivitäten wie Flash Talks und eine zugehörige Verleihung von Vortragspreisen organisiert. Am Abschluss der Tagung überreichten Elena Giaretta und Amaury Chouzenoux die Urkunden an Pascalle Deenekamp, Oliver Verhoev, Linus Reichert, Sofia McGowan, Sigourney Karijodikoro, Elena Byrd und Quentin Bastiaens.
Nachwuchsförderung seitens der IMSF wird in Form der Nico Nibbering Travel Awards betrieben. Diese Unterstützung zur Deckung der Reisekosten erhielten 28 studentische TagungsteilnehmerInnen, die dazu am Tagungsende auf die Bühne gebeten wurden. Die DGMS hat die aktive Teilnahme mit einem wissenschaftlichen Beitrag auf der 26th IMSC ebenfalls mit Reisekostenstipendien in Höhe von 800 € für bis zu 50 Studierende vergeben.
In Lyon hat sich die Young International Mass Spectromety Society (YIMS) aus den entsprechenden Gruppen von SFSM, NVMS und DGMS gegründet. Hier steht das YIMS-Team bei der Begrüßung zur Tagung.
Plenarvorträge
Zusätzlich zum Auftaktvortrag waren weitere drei Plenarvorträge im Programm. Am Montagmorgen präsentierte Olga Vitek (Northeastern University, Boston) ihr Statement „Statistical methods increase the accuracy and interpretability of quantitative proteomics“. Sie zeigte, wie statistische Methoden bei der Auswertung, dem Bewerten von Proteinregulierungen oder dem Erkennen von Features in analytischen Daten allgemein eine massive Unterstützung bieten können.
Am Dienstagmorgen sprach Anouk Rijs (Vrije Universiteit Amsterdam) zum Thema „Advancing structural dimensions in mass spectrometry: revealing hidden protein aggregates“. Sie verwendet nanoESI für native MS, um in Kombination mit Tandem-Massenspektrometrie, Ionenmobilitätsmessungen und IR-Spektroskopie der isolierten Ionen unterschiedlichsten Proteinkomplexen Daten zu deren Konformation oder Bindungszentren zu entlocken.
Im dritten Plenarvortrag präsentierte Thalappil Pradeep (Indian Institute of Technology, Madras) die These, dass in hochgeladenen Mikrotröpfchen, wie sie bei nanoESI gebildet werden, Bedingungen zustande kommen, die sogar Quarzkristalle spalten können. Als Argumente führte die enorme Ladungsdichte, den hohen inneren Druck im kbar-Bereich und reaktive Spezies wie OH-Radikale an. So kann man Materialien zur Absorption von Schwermetallen aus Trinkwasser produzieren. Pradeep stellte außerdem Forschung zum dynamischen Austausch von Ag- und Au-Ionen in großen Cluster-Ionen vor.
Olga Vitek (Northeastern University, Boston) vertieft sich in statistische Datenanalyse.
Anouk Rijs (Vrije Universiteit Amsterdam) untersucht Proteinkomplexe.
Thalappil Pradeep (Indian Institute of Technology, Madras) spricht über die Erzeugung von Nanomaterialien, Wasseraufbereitung und Cluster-Ionen.
Postersessions
Die Poster waren in der Halle mit den Firmenständen und im davorliegenden Foyer untergebracht. So erfolgte ein fließender Übergang von Posterpräsentationen zum Besuch bei den Firmen, um noch Informationen über neueste Geräte und Techniken zu sammeln oder auch Probleme zu diskutieren. Dank einer gewaltigen Menge an Posterwänden konnten alle Poster während der gesamten Tagung ausgestellt werden. Für die Postersessions wurden sie in vier Gruppen eingeteilt und dann jeweils ein Viertel der Poster nach der Mittagspause zur Diskussion präsentiert. Das vollständige Tagungsprogramm der 26th IMSC ist noch auf der Tagungswebsite einsehbar (www.imsc26.com).
Posterdiskussion, hier im Foyer der Ausstellungshalle.
Thomson Medals
Die Thomson Medal wird von der IMSF seit 1985 anlässlich der IMSC vergeben. Sie ist zur Ehre von Sir J. J. Thomson benannt, dessen Forschung gemeinhin als Ursprung für die Massenspektrometrie angesehen wird. Sie wird für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Massenspektrometrie und besonderen Einsatz für die Massenspektrometrie international verliehen. Die Verleihungen führte der IMSF-Vorsitzende Ron Heeren (Univ. Maastricht) durch.
Am Donnerstagmorgen erhielt Richard O’Hair (Univ. Melbourne) die erste der beiden Thomson Medals. Seine Forschung ist im Bereich Ionenchemie in der Gasphase und auch im Bereich der Biomakromoleküle sowie deren physikochemischer Charakterisierung angesiedelt. In seinem Vortrag, der auch einige Anekdoten enthielt, gab O’Hair einen interessanten Überblick auf sein umfangreiches Schaffen der letzten Jahrzehnte.
Am Freitagmorgen wurde die zweite Thomson Medal an Gary L. Glish (Univ. North Carolina, Chapel Hill) überreicht, der seit den frühen 1980er Jahren enorme Beiträge zur instrumentellen Entwicklung geleistet hat. Vom ersten Sektorfeld-Quadrupol-Hybridgerät über die inzwischen hochrelevanten Q-TOFs und vieles mehr konnte er in seinem abwechslungsreichen Vortrag aus einem halben Jahrhundert MS berichten.
Richard O’Hair (Univ. Melbourne) erhält die Thomson Medal aus den Händen des Präsidenten der IMSF, Ron Heeren (rechts).
Gary L. Glish (University of North Carolina, Chapel Hill) erhielt die zweite Thomson Medal von Ron Heeren überreicht.
Curt Brunnée Award
Mit dem Curt Brunnée Award werden herausragende Beiträge zur instrumentellen Entwicklung in der Massenspektrometrie geehrt. Der Preis wird an PreisträgerInnen vergeben, die das 45. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Das Preisgeld für den Curt Brunnée Award sponsort Thermo Fisher Scientific. Julia Balog (Imperial College, London) wurde in diesem Jahr mit dem Curt Brunnée Award ausgezeichnet. Julia Balog hat maßgeblich das iKnife entwickelt und massiv zur Entwicklung von REIMS beigetragen. Diese Techniken haben besonders bei chirurgischen Eingriffen eine Anwendung, da sie die Echtzeitanalyse von Gewebe während der Operation erlauben. Somit kann Tumorgewebe von gesunder Umgebung sicher unterschieden werden. Überreicht wurde der Preis von Christophe Fertat (Thermo Fisher Scientific).
Die Preisträgerin des Curt Brunnée Awards, Julia Balog (Imperial College, London).
Jochen Franzen Award
Der Jochen Franzen Award, der an den Gründer von Franzen Analysentechnik (inzwischen schon lange Bruker Daltonics), erinnert ist neuerer Natur und wird seit 2022 durch die IMSF vergeben. Die Den Jochen Franzen Award 2026 erhielt Paola Picotti (ETH Zürich) von Rohan Thakur (Bruker Daltonics) überreicht. Paola Picotti arbeitet auf dem Gebiet der Biomarker pathologischer Proteine; besonders, wenn dadurch die Entwicklung von Wirkstoffen gegen Alzheimer oder Parkinson beschleunigt werden könnte.
Ron Heeren (IMSF, Univ. Maastricht), Paola Picotti (Jochen Franzen Award, ETH Zürich) und Rohan Thakur (Bruker Daltonics) bei der Preisverleihung.
Weitere Preisverleihungen
Die SFSM vergab einen Doktorandenpreis. Preisträgerin des SFSM Doktorandenpreises war Carla Orlandi (INRAE Toulouse). Der Preis wurde ihr von der SFSM-Vorsitzenden Joëlle Vinh (SFSM, ESPCI Paris) überreicht. Sie stellte danach ihre Arbeit in einem kurzen Vortrag vor.
Außerdem wurde der Journal of Mass Spectrometry Best Paper Award 2025 für den Artikel „Prediction of Fragmentation Pathway of Natural Products, Antibiotics, and Pesticides“ vergeben. JMS-Herausgeberin Julia Chamot-Rooke (Institut Pasteur, Paris) konnte die Urkunde bedauerlicherweise nur an einen Stellvertreter übergeben, da die Preisträgerin Jördis-Ann Schüler (Univ. Halle-Wittenberg) kurzfristig an der Anreise gehindert war.
Erstmals auf Betreiben von Isabelle Compagnon (Univ. Lyon) hin vergeben wurde der Startup Innovation Award für junge Firmen, genauer für deren Gründer. Mit diesem Preis wurden Yury Tsybin (Spectroswiss, Lausanne) und Ansgar Korf (mzIO, Bremen) ausgezeichnet. Die Jury war durch Amoury Chouzenoux (MCI, Lyon) vertreten.
Isabelle Compagnon (Univ. Lyon), Preisträger Ansgar Korf (mzIO, Bremen), Amoury Chouzenoux (MCI, Lyon) und Ron Heeren (Univ. Maastricht).
Konferenzdinner in Les Subsistances
Auch hier wurde es nochmals etwas kompliziert, zumindest was die Aussprache anging. Denn das Konferenzdinner fand in Form einer Guinguette in Les Subsistances statt. Der Begriff Guinguette kann gut mit Gartenlokal oder in früherer Tradition als feierabendliches Treffen zu Essen und Trinken beschrieben werden. Les Subsistances sind eine am Ufer der Saône gelegene Kulturstätte mit Werkstätten, Bühnen und Innenhöfen. Der Komplex bot, teils überdacht, teils unter freiem Himmel, Platz für 850 Personen und einen lockeren Abend mit Musik und Gegrilltem.
Das Konferenzdinner in Les Subsistances am Ufer der Saône.
Abschluss mit den Vertretern der an der Organisation beteiligten MS-Gesellschaften (v.l.): Isabelle Compagnon (Univ. Lyon), Joëlle Vinh (SFSM, ESPCI Paris), Yury Tsybin (SGMS, Spectroswiss, Lausanne), Ron Heeren (IMSF, Univ. Maastricht), Hendrik Krolle (YIMS, Univ. Amsterdam), Thorsten Benter (DGMS, Univ. Wuppertal).
Nächste IMSCs
Die 27th IMSC soll im September 2028 in China, genauer in Hangzhou stattfinden, das rund 200 km südwestlich von Shanghai liegt. Zu dieser Tagung lud Mowei Zhou (Zhejiang University) die Anwesenden schon mal herzlich mit einem verlockenden Vorstellungsvideo ein (www.imsc2028.scimeeting.cn). Auch für die übernächste Tagung steht bereits der Austragungsort fest und Frank Sobott (Univ. Leeds) lud schon mal von 17.–23. August 2030 nach Liverpool ein.
Nach der hervorragend organisierten Tagung erfolgte die Übergabe an die nächsten Organisatoren (v.l.): Mowei Zhou (Zhejiang University), Ron Heeren (IMSF, Univ. Maastricht), Isabelle Compagnon (Univ. Lyon).
Text und Bilder: Jürgen H. Gross, Universität Heidelberg























